Das Wissen um das Nichtwissen
Sokrates beginnt seine eigentliche Verteidigung dort, wo seine Geschichte begann: mit dem Orakel von Delphi. Es hatte erklärt, niemand sei weiser als Sokrates. Für ihn war das kein Ruhm, sondern ein Rätsel.
Er wusste, dass er nicht weise war. Also suchte er Menschen auf, die für weise gehalten wurden — Politiker, Dichter und Handwerker. Dabei entdeckte er, dass viele zwar etwas verstanden, aber glaubten, alles zu verstehen.
„Ich bin wahrscheinlich nur in diesem einen kleinen Punkt weiser als dieser Mann: dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.“
21dAus dieser Einsicht entstand seine Aufgabe. Er befragte andere, prüfte ihre Antworten und legte Widersprüche offen. Das machte ihn unbequem. Die jungen Athener hörten ihm zu und begannen, dieselben Fragen zu stellen. So wurde aus der Suche nach Wahrheit in den Augen seiner Gegner eine Gefahr.
Doch Sokrates weist den Vorwurf zurück, er handle aus Berechnung. Wenn er die Jugend verderbe, dann unwissentlich — und niemand wolle wissentlich mit verdorbenen Mitmenschen leben. Entweder sei er also unschuldig, oder man müsse mit ihm sprechen, statt ihn vor Gericht zu stellen.
Ist es eine Form von Weisheit, die eigenen Grenzen zu kennen? Und wann wird kritisches Fragen für eine Gemeinschaft unbequem?
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